Review zum Konzertfilm "2 Big To Rig"

Spaziert man die Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain hinunter, gibt es immer etwas zu sehen. Zwielichtige Kardinäle, diabolische Päpste und Nonnen mit Corpsepaint sind dann aber sogar hier eher ungewöhnliche Erscheinungen — insbesondere, wenn sie ins Kino pilgern. Anlass für dieses schwarze Konklave ist die Premiere von Ghosts zweitem Konzertfilm “2 Big To Rig”, der im September vergangenen Jahres bei zwei Konzerten im Palacio de los Deportes in Mexiko-Stadt vor 40.000 Fans aufgenommen wurde. Wie bei der gesamten “Skeletour” durften die keine Handys mitnehmen, ein Grund, warum diese Aufnahmen aus der Zeit gefallen wirken. Ein anderer ist die grobkörnige Bildästhetik, die das Geschehen auch visuell dorthin befördert, wo Ghost inzwischen musikalisch zu verorten sind: knietief in den 80ern.
Der Beginn der Show ist passend zum aktuellen Album “Skeletá” für Bandverhältnisse zurückhaltend inszeniert, Papa Perpetua aka Tobias Forge und seine namenlosen Ghuls und Ghulinnen bringen mit den Strasssteinen auf ihren Outfits ein wenig Glitzer in das düstere Bühnenbild, das im Verlauf des Films immer imposanter wird, mehrfach explodiert und sich für “Year Zero” in einen flammenden Nachtclub im zweiten Kreis der Hölle verwandelt. Denn horny sind Ghost-Konzerte immer – und das nicht erst, wenn Forge kurz vor Schluss überdeutlich macht, wie das “come together” in “Monstrance Clock” zu verstehen ist. Genau so wenig subtil ist es, wie “Lord und Lady Ghul” in “Umbra”, das mutmaßlich einzig und allein dafür geschrieben wurde, mit seiner Gitarre und ihrem Keyboard “süße klangliche Liebe zu machen”. Dank der vielen Nahaufnahmen kommt hier schön zur Geltung, wie Forge in “Cirice” seinen Mikrofonständer liebkost.
2 Big To Rig | Konzertfilm
Regie: Amir Chamdin
Mit: Tobias Forge
LUF, 115 Minuten
ab dem 26.08. im Kino
Ohnehin zeigen sich Ghost in “2 Big” nahbarer als in “Rite Here Rite Now”. Statt ihre Lore weiter auszubauen, lassen sie in kurzen Sequenzen ihre Crew zu Wort kommen, die dann etwa berichtet, dass ingesamt an die 300 Leute bei der Produktion involviert sind, ganze 150 davon kommen jeweils von Firmen aus den jeweiligen Tourstopps. Oder dass das monumentale Lichtkreuz über der Bühne 62 Tonnen wiegt und die ganze Show eigentlich “zu groß ist, um sie aufzubauen” – daher der Filmtitel. Einer der besten Gags involviert dann ebenfalls einen der Menschen hinter der Bühne und seinen Laubbläser. Zwischen all dem zotigen Humor und spektakulären Mummenschanz finden sich aber auch nachdenkliche Momente: Das erste Konzert der drei geplanten Konzerte musste Forge wegen einer Lebensmittelvergiftung abbrechen, vor “The Future Is A Foreign Land” sinniert er darüber, dass die Welt derzeit kein sonderlich toller Ort ist. Und auch die letzte Einstellung wirkt wie ein Bruch mit dem triumphalen Geschehen, das ihm vorangegangen ist. Welche Bedeutung sie hat, wird sich zeigen.
8 / 12Der Beitrag Jesus und der Laubbläser erschien zuerst auf VISIONS.de.
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